Unsere Position zum Lärmaktionsplan

Das Wichtigste in Kurzform:

Nachts sind in Gomaringen 380 Einwohner einer Lärmbelastung ausgesetzt, die im gesundheitskritischen Bereich liegt. Betroffen sind praktisch alle Gebäude entlang der Tübinger Straße, sowie vereinzelt entlang der Hechinger Straße, der Hinterweiler Straße, der Nehrener Straße und der Reutlinger Straße. Lärmmindernde Straßenbeläge könnten zu einer Verbesserung führen, eine Sanierung ist in den nächsten Jahren aber nicht zu erwarten. Deshalb bleibt als Lösung nur, ein Tempo-Limit auf 30 km/h für die Zeit von 22:00 Uhr bis 06:00 Uhr vorzuschreiben. Dies würde nicht nur den mittleren Pegel, sondern ganz besonders die Lärmspitzen erheblich reduzieren. Für den KFZ-Verkehr bedeutet das eine Verlängerung der Fahrzeit von unter 2 Minuten.
Uns ist die Gesundheit unserer Bewohner wichtiger, als die Interessen der Autofahrer, die Nachts möglichst zügig durch unseren Ort kommen wollen.
Solange also keine Lösung umgesetzt ist, die den Straßenlärm besser reduziert, sind wir absolut für Tempo 30 nachts auf den Straßen, an denen Einwohner dicht "am" Verkehr wohnen.

Tempo 30 km/h für alle Straßen
mit Lärm über 60 dB(A) nachts bzw. 70 dB(A) tagsüber.
Tempo 30 km/h für alle Straßen
mit Lärm über 55 dB(A) nachts bzw. 65 dB(A) tagsüber.
Anlage 1 zur Sitzungsvorlage 2019/011 "Lärmaktionsplan der Gemeinde Gomaringen"
© OpenStreetMap-Mitwirkende
Anlage 1 zur Sitzungsvorlage 2019/011 "Lärmaktionsplan der Gemeinde Gomaringen"
© OpenStreetMap-Mitwirkende

Jetzt zu den Details, und wie wir zu dieser Einschätzung gekommen sind.

Vorab noch ein Hinweis: Eine einfache Einführung in das Thema "Lärm – Hören, messen und bewerten" gibt es hier. Dort wird auch erklärt, was dB sind und wie viel lauter +3 dB sind.

Zuviel Lärm macht krank, das wissen wir alle. Das Umweltbundesamt schreibt zum Straßenlärm am 23.8.2017 (UBA Straßenverkehrslärm):

Lärm löst, abhängig von der Tageszeit (Tag/Nacht), unterschiedliche Reaktionen aus. Im Allgemeinen sind bei Mittelungspegeln innerhalb von Wohnungen, die nachts unter 25 dB(A) und tags unter 35 dB(A) liegen, keine nennenswerten Beeinträchtigungen zu erwarten. Diese Bedingungen werden bei gekippten Fenstern noch erreicht, wenn die Außenpegel nachts unter 40 dB(A) und tags unter 50 dB(A) liegen. Tagsüber ist bei Mittelungspegeln über 55 dB(A) außerhalb des Hauses zunehmend mit Beeinträchtigungen des psychischen und sozialen Wohlbefindens zu rechnen.
Um die Gesundheit zu schützen, sollte ein Mittelungspegel von 65 dB(A) am Tage und 55 dB(A) in der Nacht nicht überschritten werden.

Als Risiken nennen sie dort:

  • Höheres Risiko für Bluthochdruck
  • Höheres Herzinfarkt-Risiko
  • Schlafstörungen durch Lärm

Auf der Lärmkartierung für Gomaringen sieht man, dass sowohl an der Hechinger Str., wie auch an der Tübinger Str. eine ganze Reihe Häuser diese Pegel überschreiten (LUBW Maps)

Genau von diesen Anwohnern bekommen wir zurückgemeldet:

  • Jedes Jahr sind mehr Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs.
  • Der Straßenlärm wird von Jahr zu Jahr lauter.
  • Besonders störend sind schwere LKWs und landwirtschaftliche Tankfahrzeuge, die häufig mit hoher Geschwindigkeit durchfahren.
  • Erst recht stören Fahrzeuge, besonders Schwerverkehr, die Anfahren bzw. Bremsen.

Zusammenfassend:
Besonders störend werden einzelne Lärmspitzen (Vollgas-Start an der Ampel, hochdrehende Motorräder, anfahrende LKWs) wahrgenommen.
Den einigermaßen gleichmäßigen Hintergrund-Lärm-"Teppich" blendet das Gehirn irgendwann aus, physiologisch wirksam ist er aber trotzdem.


Genau deshalb fordert unsere Fraktion seit Jahren schon das Erstellen eines Lärmaktionsplans.

Im Kooperationserlass sind die Handlungsempfehlungen für solche Lärmaktionspläne beschrieben:

Lärmbelastungen oberhalb von 65 dB(A) am Tag und 55 dB(A) in der Nacht liegen in einem gesundheitskritischen Bereich. Daher sind Bereiche mit Lärmbelastungen über 65 dB(A) LDEN und 55 dB(A) LNight bei einer qualifizierten Lärmaktionsplanung auf jeden Fall zu berücksichtigen. Mit der Lärmaktionsplanung ist darauf hinzuwirken, diese Werte nach Möglichkeit zu unterschreiten.
Vordringlicher Handlungsbedarf zur Lärmminderung und zur Verringerung der Anzahl der Betroffenen besteht in Bereichen mit sehr hohen Lärmbelastungen über 70 dB(A) LDEN und 60 dB(A) LNight..
(VMBW Kooperationserlass Lärmaktionsplanung)

Wieviele Anwohner sind von einer solchen Lärmbelastung betroffen?

Bereich Abschnitt Strecken-
länge [km]
Anzahl Gebäude Wieviele Einwohner sind nachts zwischen 65 dB(A) und 70 dB(A) ausgesetzt? Wieviele Einwohner sind nachts mehr als 70 dB(A) ausgesetzt? Wieviele Einwohner sind tagsüber zwischen 55 dB(A) und 60 dB(A) ausgesetzt? Wieviele Einwohner sind tagsüber mehr als 60 dB(A) ausgesetzt?
Östliche Tübinger Straße zwischen der Hechinger Straße bis Ortsausgang in Richtung Bronnweiler 1,8 59 212 0 225 0
Hinweis: Leider sind in der Tübinger Straße viele Kanaldeckel abgesunken. Wenn Fahrzeuge darüber fahren, klappern Kanaldeckel und besonders LKW-Aufbauten erheblich. Diese zusätzliche Lärmbelastung ist hier nicht berücksichtigt.
Östliche Hechinger Straße bzw. Nehrener Straße ab Abzweig Dußlinger Straße bis zur Reutlinger Straße bis Höhe Gebäude „Untere Haldestraße 6“ 1,3 15 22 0 61 0
Hinterweilerstraße Ecke Hechinger Straße / Reutlinger Straße bis Ortsende Härtenstraße / Stockacher Straße 1,2 6 14 0 16 0
Hinweis: In der Hinterweiler Straße wurden ja im letzten Jahr Leitungen und Kanal saniert und außerdem die Bushaltestellen behindertengerecht umgebaut. Danach wurde im gesamten Verlauf ein lärmmindernder Belag aufgebracht. Die hier eingetragenen Zahlen sind deshalb veraltet. Wir gehen davon aus, dass in der Hinterweiler Straße kein Handlungsbedarf mehr besteht.
Westliche Tübinger Straße zwischen der Hechinger -/ Nehrener Straße bis zum Ende des Flurstücks Nr. 4300, Gebäude „Hammerwerk" 0,7 5 44 0 44 0
Kreuzung Tübinger Straße Hechinger Straße     8 12 0 31 0
Knotenpunkt Hechinger Straße Reutlinger Straße Hinterweiler Straße ab Höhe Gebäude Härmlingstraße 6 bis Höhe Gebäude Untere Haldestraße 6   10 3 28 0 31
Reutlinger Straße     2 0 0 3 0
Summe     105 307 28 380 31
        20% erhöhtes Risiko für Herzinfarkte vordringlicher Handlungsbedarf laut Kooperationserlass 20% erhöhtes Risiko für Herzinfarkte vordringlicher Handlungsbedarf laut Kooperationserlass

Zusammenfassend: Nachts sind in Gomaringen 380 Einwohner einer Lärmbelastung ausgesetzt, die im gesundheitskritischen Bereich liegt. Für weitere 31 Einwohner liegt die Lärmbelastung noch höher, hier besteht vordringlicher Handlungsbedarf.

Was kann man jetzt tun, um diesen Einwohnern zu helfen?

Lärmmindernder Straßenbelag (Füsterasphalt):
Lange Zeit war gängige Meinung, das der klassische Flüsterasphalt nur bei Geschwindigkeiten über 70 km/h Vorteile bringt, und dieser Straßenbelag auch schneller verschleißt. Seit Jahren sind aber Alternativen in Erprobung, und das Verkehrsministerium BW hat bereits 2015 in einer Handlungsempfehlung geschrieben (VMBW Handlungsempfehlung lärmmindernde Asphaltdecken innerorts):

... dass [bestimmte Beläge] auch innerorts Lärmminderungen von im Mittel 3,0 dB(A) bei Geschwindigkeiten ab 30 km/h bis 50 km/h erreichen.
... [solche Beläge werden] von [der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen] als Stand der Technik zur Anwendung empfohlen.

Allerdings werden diese Beläge nur bei fälligen Sanierungen eingebracht, und die L384 (Reutlinger/Hechinger Str.) ist gerade erst saniert worden. Bis zu einer neuen Sanierung und dem Aufbringen eines lärmmindernden Belags wird's also noch Jahre dauern. Allerdings hätte man solch einen Belag durchaus schon bei der gerade durchgeführten Sanierung einbringen können, die Handlungsempfehlung des Verkehrsministeriums ist schließlich von 2015! Immerhin wurde bei der Hinterweiler Straße solch ein Belag verwendet. hier besteht deshalb kein Handlungsbedarf mehr.

Tempo 30 nachts, also von 22:00 Uhr bis 06:00 Uhr
Klar, das ist eine sehr unpopuläre Maßnahme.
Zu den Vorteilen zählen:

  • gleichmäßigerer Verkehrsfluss: Viele Studien zeigen, dass weniger häufig gebremst und beschleunigt wird, wenn Tempo 30 vorgeschrieben ist. Es "läuft" einfach "glatter" durch. Im Mittel bringt dies eine Lärmminderung um 2 - 3 dB(A) (LUBW Straßenlärm)
  • Besonders die Lärmspitzen werden aber viel stärker gedämpft. Hier werden Reduzierungen um 8 dB(A) berichtet (Lärmschutz durch Tempo 30).

Andererseits:

  • wer langsamer fährt, braucht länger (wer hätte das gedacht).
    Konkret:
    Straße Strecken-
    länge
    Fahrzeit
    bei 30 km/h
    Fahrzeit
    bei 50 km/h
    Differenz
    Hechinger Str (Lidl bis Hinterweiler Str.) 1,3 km 161 Sek. 96 Sek. 66 Sek.
    Tübinger Str (Lidl bis Ortsausgang Bronnweiler) 1,8 km 216 Sek. 130 Sek. 86 Sek.
    Tübinger Str (Lidl bis Schillerstr) 0,7 km 81 Sek. 49 Sek. 32 Sek.
    Hinterweiler Str (Hechinger Str. bis Ortsausgang Immenhausen) 1,2 km 135 Sek. 83 Sek. 52 Sek.

    Temp 30 führt also zu einem Zeitverlust von unter 2 Minuten. Wir denken, das sollte zu ertragen sein, zumal die Geschwindigkeitsbeschränkung eben nur Nachts gelten soll.

  • bei Tempo 30 erzeugen die Fahrzeuge mehr Schadstoffe pro km als bei Tempo 50, schließlich verbraucht ein PKW im 2. Gang einfach mehr Sprit als im 5. Gang, und das kommt als Schadstoff hinten wieder raus.

    Wenn die Straße weder Gefälle noch Steigung aufweist, keine Ampeln oder parkenden Autos oder Kreuzungen den Verkehr behindern, der Verkehr also gleichmäßig mit 50 km/h läuft, dann ist diese Aussage tatsächlich richtig.
    Sobald aber Beschleunigungs- und Bremsvorgänge häufiger stattfinden, dann gibt's mehr Brems- und Reifen-Abrieb, und natürlich auch höhere Emissionen des Motors, und in solchen Fällen ist Tempo 30 deutlich besser. (UBA Wirkungen vonTempo 30 an Hauptverkehrsstrassen)
    Genau diese Situation haben wir aber leider im ganzen Flecken praktisch überall, an den Ampeln ebenso wie an den Einmündungen und besonders in der Hinterweilerstr.: von der Kreuzung Hechinger Str. zum Bäcker Kocher geht's bergab, unten wird wild gehalten/geparkt, drum geht's da höchst selten glatt durch, dann geht's bergauf und an der Kreuzung Schillerstr. / Engelhagstr. stockt's auch häufig, zumal die Busse da rumkurven. In den anderen Straßen ist's nur wenig besser.

Also zusammengefasst:

Uns ist die Gesundheit unserer Bewohner wichtiger, als die Interessen der Autofahrer, die Nachts möglichst zügig durch unseren Ort kommen wollen.
Solange also keine Lösung umgesetzt ist, die den Straßenlärm besser reduziert, sind wir absolut für Tempo 30 nachts auf den Straßen, an denen Einwohner dicht "am" Verkehr wohnen.

Dr. Hartmut Rombach
Gomaringen, 06.03.2019, aktualisiert am 21.05.2019

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